Veranstalter:

IBF AG
St. Gallen

Schweizer Botschaft
 Dhaka

Bengal Art Gallery

"Art for Artists"

St. Gallen

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Colourful India
Art Gallery deutsch
Dance Performance

 

   

Bald reif fürs Museum?

Kalebassen dienen als Atemluftspeicher, mit drei bis vier daran befestigten Bambusrohren unterschiedlicher Grösse bringen die Musiker ihre Instrumente zum Erklingen. "Plung" nennen die Angehörigen der Murung im assamesisch-birmanischen Gebirgsbogen ihre traditionellen Mundorgeln, womit die Musiker, jeweils in Zweiergruppen einstimmend, ein gewaltig anschwellendes polyphones Freiluft-Konzert veranstalten. Um ihre Hüften schwere Silbergürtel, schlagen Frauen und Mädchen währenddessen ihre Fersen energisch auf den Boden und geben damit den Rhythmus vor. Als einer der zwölf Gebirgsethnien sprechen die mandeläugigen Murung eine tibeto-birmanische Sprache. Sie zählen zu den ältesten Bewohnern der Chittagong Hill Tracts, wie der hügelige Landesteil im Südosten von Bangladesch nach der zweitgrössten Hafenstadt Chittagong heisst. In ihrer Gramadee genannten Religion mischen sich buddhistische und hinduistische Elemente mit animistischen Praktiken. So äschern die Murung ihre Toten ein und feiern den Abschluss der Winterernte mit einem Rinderopfer. Einst Jäger, widmen sie sich im feucht-heissen Monsunklima ihrer Heimat heute dem Ackerbau. Dafür brennen sie nach der Brandrodungsmethode kleinere Waldstücke nieder.

Schweine tummeln sich zwischen den Pfeilern, worauf ihre aus Holz und Palmblättern erbauten Wohnhäuser ruhen. Sie ernähren sich anders als die in der Ebene lebenden, überwiegend muslimischen Bangladeschi, die ihre Speisen gerne scharf würzen. Mit den übrigen Bergvölkern bilden die Murung einen Anteil von nicht einmal einem halben Prozent an der auf 131 Millionen Menschen geschätzten Gesamtbevölkerung von Bangladesch, das als eines der ärmsten Länder der Welt besonders unter Naturkatastrophen und Umweltzerstörung leidet. Auch in anderen Teilen des Landes leben ethnische Minderheiten. Doch in den Hill Tracts, das die Regierung vor vier Jahrzehnten systematisch mit Bengalen besiedeln liess, führten Spannungen zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen zu einem Bürgerkrieg, den die Weltöffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen hat. Nach über zwanzigjähriger Dauer konnte dieser Konflikt, der nach Schätzungen von Amnesty International 8500 Todesopfer gefordert hatte, 1997 mit einem Friedensvertrag beigelegt werden. Die Wurzeln reichen in die Zeit zurück, als der Staatspräsident und spätere Diktator Scheich Mujibur Rahman von einem sozialistisch geprägten "Einheitsbürger" träumte. Forderungen der Bergvölker, deren kulturelle Eigenständigkeit zu akzeptieren und wie zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft begrenzte Autonomie zu gewähren, wurden deshalb abgelehnt.

Dhaka ermutigte landlose Siedler aus dem Flachland, an einem Migrationsprogramm teilzunehmen und schusterte ihnen die ertragreichsten Reisanbauflächen in den Flusstälern zu. Dann vergaben die Behörden Konzessionen an Holzfirmen, die sich in den tropischen Gebirgswäldern bedienten. Schliesslich untersagte der Staat als alleiniger Besitzer des Waldes den Ureinwohnern die Brandrodung und trieb sie damit in den wirtschaftlichen Ruin.

Als die Regierung wertvolles Ackerland flutete, um einen gigantischen Staudamm anzulegen, verloren 100’000 Menschen Hab und Gut. Vor allem Angehörige der Chakma-Ethnie setzten sich in das benachbarte Indien ab. Gemessen an seiner Grösse, produziert das Karnaphuli-Kraftwerk bis heute verschwindend geringe Energiemengen. Für die Anrainerdörfer erwies sich die Anlage als nutzlos, da sie nicht an das Stromnetz angeschlossen wurden. Diesen Landraub wollte Shanti Bahini, wie sich der bewaffnete Arm der Bergvölkerpartei PCJSS nannte, nicht hinnehmen. Ihre Kämpfer besorgten sich in Indien Waffen und lieferten Dhaka seit 1975 einen Guerilla-Krieg. Die Regierung verlegte Militäreinheiten in die abtrünnige Randregion, deren Bewohner pauschal als Terroristen und Feinde des Vaterlands gebrandmarkt wurden. Vertreter der ethnischen Eliten hingegen beteuern seit jeher, dass sie sich als Bangladeschi-Staatsbürger empfänden und unterstellen der Regierung die Absicht, sie zum Islam zu bekehren.

An Grausamkeit standen sich beide kriegsführenden Parteien in nichts nach. Folter, Massaker und Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil prägten diese Kultur der Gewalt, die in der unterentwickelten Gegend verbrannte Erde hinterliess. Noch immer sind Nachwirkungen zu spüren. Im nördlichen Distrikt gehen Zugezogene und Alteingesessene gelegentlich mit Schusswaffen und Messern aufeinander los. Brandanschläge auf Häuser werden gemeldet oder die Vernichtung von Ernten.

Wie im Friedensvertrag vorgesehen, wurde ein eigenes Ministerium für die Hill Tracts gegründet, dann richtete man für Region und für die drei Distrikte Verwaltungsinstanzen ein. Pro Distrikt bilden zudem jeweils etwa zwei Dutzend Siedlungen der gleichen Ethnie ein "Union council", in dem Angehörigen der dörflichen Elite mitentscheiden. Das trägt zur Autonomie bei, ist nach westlichen Vorstellungen jedoch nicht sehr demokratisch. Denn die tonangebenden Würdenträger in diesen vormodernen und konformistisch geprägten Gesellschaften sind nicht durch Wahl, sondern kraft ihres Status an diese Ämter gelangt.

Dass die regionale Verwaltung auch acht Jahre nach Abschluss des Friedensvertrags noch nicht effizient arbeitet, geht auf Personal- und Finanzmangel zurück. Dhaka unterstellt die örtlichen Regierungsvertreter einem hohen Beamten aus der Hauptstadt, ihm kommt als "Deputy Commissoner" die Statthalterrolle zu.

Er muss inzwischen von allen Seiten Kritik über sich ergehen lassen. Trotz des vereinbarten Abzugs sei die Armee noch überall präsent, heisst es. Und die Kommission für die Rückgabe von konfisziertem Land zeichne sich seit ihrer Gründung durch Untätigkeit aus, lautet ein weiterer Vorwurf.

Angeblich vergebe die Regierung Rückehrprämien und Landbesitz nicht vorrangig an die geschädigten Angehörigen von Bergvölkern, sondern an Bengalen, die etwa die Hälfte der rund eine Million zählenden Bevölkerung darstellen.

Wirtschaft, Umweltschutz, Bildung und das Gesundheitssystem müssten jetzt verbessert werden, um den Lebensstandard der Bergvölker zu heben. Nach Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank sind dafür 60 Millionen US-Dollar nötig. Hilfswerke haben bereits 1984 die Initiative ergriffen und bauen Trinkwasserspeicher und Gesundheitszentren. Ferner verteilen sie Saatgut und betreiben die Wiederaufforstung geschädigter Wälder. Sie intensivieren die Schulbildung, damit wenigstens die Jugend schreiben und rechnen lernt. Missionaren verdankt man die Verschriftlichung ihrer vormals nur mündlichen Kultur mit lateinischen Buchstaben. Allerdings sind die meisten älteren Bewohner Analphabeten geblieben. Diese Schwäche hatten bengalische Geschäftemacher schamlos ausgenützt. Stammesangehörige, die beim Abschluss von Grundstücksverträgen gar nicht verstanden, was sie unterschrieben, fanden sich nachher als kläglich bezahlte Tagelöhner auf dem einstigen Besitz wieder. Und bei dubiosen Kreditgeschäften verschuldeten sich die Ahnungslosen  auf Generationen hinaus. Je weiter entfernt die Bergvölker von den urbanen Zentren leben, umso zurückhaltender verhalten sie sich gegenüber Fremden. Oft fühlen sie sich kulturell unterlegen. Wer am Marktgeschehen teilnehmen will, muss sich der Mehrheit angleichen, zunächst einmal durch sein Auftreten und in der Kleidung.

Murung-Frauen, die während der Stillzeit auch in der Öffentlichkeit den Oberkörper unbedeckt liessen, hüllen sich jetzt selbst in ihren Dörfern in Kleider. Und Männer, die jetzt mehr Obst anbauen und die Ware in den Städten verkaufen, treten mit der bengalischen Mehrheit zwangsläufig in einen dauerhaften Austausch, lernen deren Sprache und übernehmen dabei auch andere Wertvorstellungen. Je stärker die Bergvölker über die Bemühungen der Hilfswerke in die regionale Wirtschaft eingebunden werden, desto mehr wird die bislang in abgelegenen Gebirgsgegenden aufrechterhaltene Identität verblassen. So müssen die westlichen Helfer die Menschen ermutigen, an ihren Tänzen festzuhalten. Selbst der Bau von Musikinstrumenten wird finanziert. Die Zeitläufte werden sich damit kaum aufhalten lassen: Murung-Trachten und Mundorgeln könnten schon bald nur noch im Museum bewundert werden.

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