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Bald reif fürs Museum?

Kalebassen dienen als
Atemluftspeicher, mit drei bis vier daran befestigten
Bambusrohren unterschiedlicher Grösse bringen die Musiker ihre
Instrumente zum Erklingen. "Plung" nennen die Angehörigen der
Murung im assamesisch-birmanischen Gebirgsbogen ihre
traditionellen Mundorgeln, womit die Musiker, jeweils in
Zweiergruppen einstimmend, ein gewaltig anschwellendes
polyphones Freiluft-Konzert veranstalten. Um ihre Hüften schwere
Silbergürtel, schlagen Frauen und Mädchen währenddessen ihre
Fersen energisch auf den Boden und geben damit den Rhythmus
vor. Als einer der zwölf Gebirgsethnien sprechen die
mandeläugigen Murung eine tibeto-birmanische Sprache. Sie zählen
zu den ältesten Bewohnern der Chittagong Hill Tracts, wie der
hügelige Landesteil im Südosten von Bangladesch nach der
zweitgrössten Hafenstadt Chittagong heisst. In ihrer Gramadee
genannten Religion mischen sich buddhistische und hinduistische
Elemente mit animistischen Praktiken. So äschern die Murung ihre
Toten ein und feiern den Abschluss der Winterernte mit einem
Rinderopfer. Einst Jäger, widmen sie sich im feucht-heissen
Monsunklima ihrer Heimat heute dem Ackerbau. Dafür brennen sie
nach der Brandrodungsmethode kleinere Waldstücke nieder.
Schweine tummeln sich
zwischen den Pfeilern, worauf ihre aus Holz und Palmblättern
erbauten Wohnhäuser ruhen. Sie ernähren sich anders als die in
der Ebene lebenden, überwiegend muslimischen Bangladeschi, die
ihre Speisen gerne scharf würzen. Mit den übrigen Bergvölkern
bilden die Murung einen Anteil von nicht einmal einem halben
Prozent an der auf 131 Millionen Menschen geschätzten
Gesamtbevölkerung von Bangladesch, das als eines der ärmsten
Länder der Welt besonders unter Naturkatastrophen und
Umweltzerstörung leidet. Auch in anderen Teilen des Landes leben
ethnische Minderheiten. Doch in den Hill Tracts, das die
Regierung vor vier Jahrzehnten systematisch mit Bengalen
besiedeln liess, führten Spannungen zwischen Einheimischen und
Neuankömmlingen zu einem Bürgerkrieg, den die Weltöffentlichkeit
kaum zur Kenntnis genommen hat. Nach über zwanzigjähriger Dauer
konnte dieser Konflikt, der nach Schätzungen von Amnesty
International 8500 Todesopfer gefordert hatte, 1997 mit einem
Friedensvertrag beigelegt werden. Die Wurzeln reichen in die
Zeit zurück, als der Staatspräsident und spätere Diktator
Scheich Mujibur Rahman von einem sozialistisch geprägten
"Einheitsbürger" träumte. Forderungen der Bergvölker, deren
kulturelle Eigenständigkeit zu akzeptieren und wie zu Zeiten der
britischen Kolonialherrschaft begrenzte Autonomie zu gewähren,
wurden deshalb abgelehnt.
Dhaka ermutigte landlose
Siedler aus dem Flachland, an einem Migrationsprogramm
teilzunehmen und schusterte ihnen die ertragreichsten
Reisanbauflächen in den Flusstälern zu. Dann vergaben die
Behörden Konzessionen an Holzfirmen, die sich in den tropischen
Gebirgswäldern bedienten. Schliesslich untersagte der Staat als
alleiniger Besitzer des Waldes den Ureinwohnern die Brandrodung
und trieb sie damit in den wirtschaftlichen Ruin.
Als die Regierung
wertvolles Ackerland flutete, um einen gigantischen Staudamm
anzulegen, verloren 100’000 Menschen Hab und Gut. Vor allem
Angehörige der Chakma-Ethnie setzten sich in das benachbarte
Indien ab. Gemessen an seiner Grösse, produziert das
Karnaphuli-Kraftwerk bis heute verschwindend geringe
Energiemengen. Für die Anrainerdörfer erwies sich die Anlage als
nutzlos, da sie nicht an das Stromnetz angeschlossen wurden.
Diesen Landraub wollte Shanti Bahini, wie sich der bewaffnete
Arm der Bergvölkerpartei PCJSS nannte, nicht hinnehmen. Ihre
Kämpfer besorgten sich in Indien Waffen und lieferten Dhaka seit
1975 einen Guerilla-Krieg. Die Regierung verlegte
Militäreinheiten in die abtrünnige Randregion, deren Bewohner
pauschal als Terroristen und Feinde des Vaterlands gebrandmarkt
wurden. Vertreter der ethnischen Eliten hingegen beteuern seit
jeher, dass sie sich als Bangladeschi-Staatsbürger empfänden und
unterstellen der Regierung die Absicht, sie zum Islam zu
bekehren.
An Grausamkeit standen
sich beide kriegsführenden Parteien in nichts nach. Folter,
Massaker und Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil prägten diese
Kultur der Gewalt, die in der unterentwickelten Gegend
verbrannte Erde hinterliess. Noch immer sind Nachwirkungen zu
spüren. Im nördlichen Distrikt gehen Zugezogene und
Alteingesessene gelegentlich mit Schusswaffen und Messern
aufeinander los. Brandanschläge auf Häuser werden gemeldet oder
die Vernichtung von Ernten.
Wie im Friedensvertrag
vorgesehen, wurde ein eigenes Ministerium für die Hill Tracts
gegründet, dann richtete man für Region und für die drei
Distrikte Verwaltungsinstanzen ein. Pro Distrikt bilden zudem
jeweils etwa zwei Dutzend Siedlungen der gleichen Ethnie ein
"Union council", in dem Angehörigen der dörflichen Elite
mitentscheiden. Das trägt zur Autonomie bei, ist nach westlichen
Vorstellungen jedoch nicht sehr demokratisch. Denn die
tonangebenden Würdenträger in diesen vormodernen und
konformistisch geprägten Gesellschaften sind nicht durch Wahl,
sondern kraft ihres Status an diese Ämter gelangt.
Dass die regionale
Verwaltung auch acht Jahre nach Abschluss des Friedensvertrags
noch nicht effizient arbeitet, geht auf Personal- und
Finanzmangel zurück. Dhaka unterstellt die örtlichen
Regierungsvertreter einem hohen Beamten aus der Hauptstadt, ihm
kommt als "Deputy Commissoner" die Statthalterrolle zu.
Er muss inzwischen von
allen Seiten Kritik über sich ergehen lassen. Trotz des
vereinbarten Abzugs sei die Armee noch überall präsent, heisst
es. Und die Kommission für die Rückgabe von konfisziertem Land
zeichne sich seit ihrer Gründung durch Untätigkeit aus, lautet
ein weiterer Vorwurf.
Angeblich vergebe die
Regierung Rückehrprämien und Landbesitz nicht vorrangig an die
geschädigten Angehörigen von Bergvölkern, sondern an Bengalen,
die etwa die Hälfte der rund eine Million zählenden Bevölkerung
darstellen.
Wirtschaft, Umweltschutz,
Bildung und das Gesundheitssystem müssten jetzt verbessert
werden, um den Lebensstandard der Bergvölker zu heben. Nach
Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank sind dafür 60
Millionen US-Dollar nötig. Hilfswerke haben bereits 1984 die
Initiative ergriffen und bauen Trinkwasserspeicher und
Gesundheitszentren. Ferner verteilen sie Saatgut und betreiben
die Wiederaufforstung geschädigter Wälder. Sie intensivieren die
Schulbildung, damit wenigstens die Jugend schreiben und rechnen
lernt. Missionaren verdankt man die Verschriftlichung ihrer
vormals nur mündlichen Kultur mit lateinischen Buchstaben.
Allerdings sind die meisten älteren Bewohner Analphabeten
geblieben. Diese Schwäche hatten bengalische Geschäftemacher
schamlos ausgenützt. Stammesangehörige, die beim Abschluss von
Grundstücksverträgen gar nicht verstanden, was sie
unterschrieben, fanden sich nachher als kläglich bezahlte
Tagelöhner auf dem einstigen Besitz wieder. Und bei dubiosen
Kreditgeschäften verschuldeten sich die Ahnungslosen auf
Generationen hinaus. Je weiter entfernt die Bergvölker von den
urbanen Zentren leben, umso zurückhaltender verhalten sie sich
gegenüber Fremden. Oft fühlen sie sich kulturell unterlegen. Wer
am Marktgeschehen teilnehmen will, muss sich der Mehrheit
angleichen, zunächst einmal durch sein Auftreten und in der
Kleidung.
Murung-Frauen, die während der
Stillzeit auch in der Öffentlichkeit den Oberkörper unbedeckt
liessen, hüllen sich jetzt selbst in ihren Dörfern in Kleider.
Und Männer, die jetzt mehr Obst anbauen und die Ware in den
Städten verkaufen, treten mit der bengalischen Mehrheit
zwangsläufig in einen dauerhaften Austausch, lernen deren
Sprache und übernehmen dabei auch andere Wertvorstellungen. Je
stärker die Bergvölker über die Bemühungen der Hilfswerke in die
regionale Wirtschaft eingebunden werden, desto mehr wird die
bislang in abgelegenen Gebirgsgegenden aufrechterhaltene
Identität verblassen. So müssen die westlichen Helfer die
Menschen ermutigen, an ihren Tänzen festzuhalten. Selbst der Bau
von Musikinstrumenten wird finanziert. Die Zeitläufte werden
sich damit kaum aufhalten lassen: Murung-Trachten und Mundorgeln
könnten schon bald nur noch im Museum bewundert werden.
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